Tal der hoffnung

Im Osten Siziliens setzt sich eine große Bio-Gemeinschaft für den Schutz und Erhalt eines Flusstales ein.

Mit röhrendem Motorengeräusch trotzt der kleine silberne Mietwagen dem Anstieg ins Landesinnere. Heute geht es in die Nähe von Catania. Bereits nach 30 Minuten fahre ich verdutzt rechts ran. Sehe ich wirklich, was ich glaube, zu sehen?

Der Berg ruft

 

Noch nie habe ich Europas größten Vulkan aus so weiter Ferne gesehen – uns trennen immerhin noch mehr als 100 km. Verheißungsvoll taucht Ätna mit seiner pudrig weißen Spitze während der Fahrt immer wieder von irgendwoher auf. Manchmal glaube ich, Rauchwolken emporsteigen zu sehen. Fast jedes Jahr werden Ausbrüche gemeldet, der über 3300 Meter hohe Berg schläft nie. Mit seinem Näherkommen verändert sich auch die Umgebung: weniger Glashausanlagen, mehr Freiland-Anbau, weniger Baukatastrophen, bessere Straßen, weniger Müll am Straßenrand. Als sich die Metropole Catania vor meinen Augen auszubreiten beginnt, bin ich dankbar, vorher links abbiegen zu dürfen. Ich will ins Grüne. Ich will nach Paternó.

Um 14 Uhr treffe ich Vincenzo – wie vereinbart – auf einer Brücke. Zu uns gesellt sich ein Herr mit Brille. Vincenzo stellt ihn mir als den Präsidenten von Biodistretto vor. Die beiden scheinen sich gut zu kennen. Sichtlich stolz, mit großzügigen Armbewegungen zeigen sie mir das, weshalb ich hier bin. Ihr Tal. Ihren Fluss. Und damit die alles entscheidende Grundlage für ihren Plan.

Zwei alte Freunde

Unter mir plätschert der Simeto. Anders als die meisten anderen Flüsse Siziliens trocknet er im Sommer nicht aus, was das stolze Leuchten in den Augen der Männer erklärt, wenn sie ihren Blick über das Wasser schweifen lassen. Auf den Simeto können sie sich verlassen, er lässt sie nicht im Stich. Und er ist es, der die Region so besonders macht, denn seine Fluten haben die fruchtbare Lavaerde des Ätna mit sich gebracht. Ätna und Simeto, sie beide werden hier verehrt – zurecht. Dieser Ort hat etwas Magisches. Der vermeintlich stille Berg und der sanft dahinfließende Fluss sind wie zwei alte Freunde, die schon hier waren, als die Welt noch in Ordnung war.

Nachdem ich alles gebührend bestaunt und gelobt habe, fahren wir mit dem Auto in Vincenzo’s kleines Reich. Es geht durch ein rostiges Tor einen Feldweg entlang, und ich bete, dass der Unterboden des Mietwagens hiernach noch halbwegs intakt sein wird. Um mich herum ist es so, wie ich es mir gewünscht habe. Üppig, blumig, herrlich, es summt und brummt, durftet und sprießt. Danke Simeto, und danke Ätna.

Vor Vincenzo’s Farmhäuschen setzen wir uns in der warmen Märzsonne zusammen und die beiden beginnen zu erzählen. Ich bin hochkonzentriert, mache mir eifrig Notizen und hoffe, dass meine Italienischkenntnisse (die sich überwiegend aus französischer Grammatik und leicht angepasstem, spanischem Vokabular zusammensetzen) hierfür ausreichen werden. Es funktioniert, der Funke springt über.

Gemeinsam gegen Verfall und Chemie

Das 113 km lange Simeto-Tal ist zu kostbar für das, was leider vielerorts in Sizilien Normalität ist. Unzählige verlassene Farmen. Glashäuser soweit das Auge reicht. Die Häfte davon intakt und abgeriegelt. Die andere Hälfte steht wie mahnende Gerippe vergessen in der Landschaft herum, Folienreste wehen melancholisch von dem brüchigen Gestänge. Das wenige Wasser, das der Insel zur Verfügung steht, wird von den Herbiziden und Pestiziden der konventionellen Landwirtschaft vergiftet.

 

Der gemeinnützige Verein Biodistretto versucht schon seit 2002 gemeinsam mit den hier ansässigen Produzenten das Tal des Simeto vor dieser Entwicklung zu beschützen und seine Ursprünglichkeit, Artenvielfalt und natürliches Reichtum zu verteidigen. Biologische Landwirtschaft ist hierfür der Schlüssel, viele der insgesamt 45 landwirtschaftlichen Betriebe im Tal sind bereits zertifiziert. Auch über Permakultur-Flächen wird nachgedacht. Ein Netz aus Erzeugern, Kommunen, Bildungseinrichtungen und Freiwilligen steht hinter dem Projekt, die EU hat Fördermittel zugesagt.

 

Damit das Projekt auch dann weitergeht, wenn die Fördermittel aufgebraucht sind, muss es sich wirtschaftlich tragen, und das so rasch wie möglich. Öko-Tourismus und lokale Vermarktung spielen dabei ebenso eine Rolle wie internationale Absatzmärkte. Besonders im nördlichen Europa, wo Bio, Naturland, Bioland, Demeter und Permakultur die Regale erobern, erhofft man sich treue Kunden mit grünem Bewusstsein. Ob ich wisse, auf welche Produkte sie sich für den Export konzentrieren sollen? Und wer kann ihnen helfen, sich im Dschungel der Bio-Plus-Kriterien zurechtzufinden? Wer wird Permakultur-Produkte aus Sizilien kaufen? Leider kann ich trotz meiner Erfahrung und Kontake in der Biobranche weder Erfolgsrezepte verteilen noch Abnahmeverträge unterzeichnen. Ich kann nur von etwas berichten, das nicht kaputt gehen darf.

 

Nach etwa einer Stunde klappe ich mein Notizbuch zu. Falls die beiden enttäuscht sind, weil ich nur wenig konkrete Antworten geben konnte, lassen sie es sich nicht anmerken. Stattdessen besichtigen wir gemeinsam Vincenzo’s 1,5 Hektar großes Stück Land, und mein Bioherz geht weit, weit auf.

Einblicke in Vincenzo's Paradies

Die Farm liegt an einem Hang, und je weiter wir nach oben klettern, desto atemberaubender wird der Blick über das Tal. Ich und meine Kamera kommen dem fröhlich vor sich her plappernden Vicenzo kaum hinterher, der mir alle paar Minuten eine andere frisch gepflückte Zitrusfrucht entgegenstreckt, die ich unbedingt probieren muss. Jede Frucht ist anders – mal saftig-süß, mal fröhlich-sauer, doch alle schmecken so unglaublich intensiv wie jene Süßigkeiten, die es als Kind nur einmal ihm Jahr auf der Dorfkirmes gab. Zwischen Apfelsinen- und Mandarinenbäumen wachsen kleine Granatapfelbäumchen. Der Boden ist mit allerlei Gräsern, Blumen und Kräutern bewachsen. Ein Fischteich spiegelt die Szenerie, ein kleiner Kanal fließt quer durch die Anlage und am oberen Rande der Farm plätschert klares Wasser munter aus einer Quelle. Von hier oben schauen wir eine Weile wortlos über das Tal. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach, doch wir alle haben denselben friedlichen Ausdruck in den Augen. Uns gefällt, was wir sehen, was wir riechen, was wir hören. Auf meiner Zunge prickelt das letzte Stückchen einer in allen nur vorstellbaren Rot- und Orange-Tönen schillernden Blutorange, und ich will einfach nicht, dass dieser Moment vorübergeht. Doch natürlich tut er das.

 

Schweigsam folge ich den beiden wieder hinab zum Farmhaus. Ich wünschte, ich könnte mehr tun, um die Idee dieser Menschen voranzutreiben, und bin etwas wehmütig, als ich mich nach einem herzlichen Abschied wenig später auf den Heimweg mache.

 

Wie wird es hier wohl in 50 Jahren aussehen?

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