1000 sanfte Hektar

Inmitten der Massaisteppe Tansanias trotzt Bauer Jaap dem Wassermangel, den politischen Schwierigkeiten und all den Unvorhersehbarkeiten, die das Leben in Ostafrika mit sich bringt. Auf 1000 Hektar betreibt er erfolgreich biologische Landwirtschaft der alten Schule.

Wir sitzen schweigend am großen Fenster des Farmhauses und blicken hinaus. Regen rauscht vom Himmel herab, trommelt auf das Dach über uns, auf Bäume, Blumen, Pflanzen, Rasen und auf all die vielen Hektar Land um uns herum. Die kurz zuvor noch staubige, von Insekten durchsummte Luft wird reingewaschen, die vielen Vögel sind verstummt und haben sich in den Bäumen versteckt. Nur die Eule wagt einen kurzen Flug durch den Schauer, lässt sich elegant auf einem Ast nieder, schüttelt sich und blickt gleichgültig dem aufziehenden Wetterleuchten entgegen. Es riecht nach feuchter Erde, nassem Gras und würzigem Zigarrenrauch.

 

Ich versuche Jaaps Gesichtsausdruck zu entschlüsseln, doch ich werde nicht ganz schlau daraus. Immerzu reden die Menschen hier vom Regen und von den verheerenden Folgen, wenn die “Regenernte” ausbleibt. Von den trockenen Monaten Juni bis März, in denen kein einziger Tropfen vom Himmel fällt. Wasser ist der limitierende Faktor, der nicht nur die Pflanzen, sondern Jaaps ganzes Geschäftsmodell am Wachsen hindert. Müsste er nicht jubeln, jetzt, da es regnet? “Es ist alles ein Balanceakt. Dieser Regen ertränkt die Raupen, die es sich in den Hirserispen gemütlich gemacht haben. Das kommt uns entgegen, denn wir spritzen ja nicht. Aber für die jungen Bohnen- und Erbsenpflanzen ist er etwas zu stark, er könnte sie verletzen.” Er blickt gen Himmel. “Genug jetzt, da oben, komm in ein paar Tagen wieder!”

Wo bin ich hier?

 

Ich bin im Norden Tansanias, ca. 1,5 Autostunden von der Stadt Arusha entfernt. Jaaps Farm, die inmitten der Massaisteppe liegt, umfasst 1000 Hektar. 70% davon werden landwirtschaftlich genutzt, der Rest ist wildes Buschland. In jährlich wechselnder Fruchtfolge werden hier ganz ohne Spritz- und Düngemittel Bohnen, Erbsen und Hirse angebaut. Zwischendurch liegen die Felder für 1-2 Jahre brach, damit sich der Boden erholen kann.

 

Die Farmgebäude liegen am Fuße einer Ansammlung von “Kopjes”, jener rötlichen Granitfelsen, die wie zufällig über ganz Afrika zerstreut herumliegen. Von hier oben hat man einen atemberaubenden Blick auf die Landschaft. Im Nordwesten erstrecken sich das über 6000 km lange Rift Valley und die Serengeti Savanne. Im Süden erhebt sich der Berg Lokisale, im Nordosten thront, meist in kissenweiche Wolken gebettet, der 4.500 Meter hohe Mount Meru. Manchmal kann man zu seiner Rechten den stets schneebedeckten Kilimanjaro sehen. Es heißt, dass Queen Victoria Ende des 19. Jahrhunderts, als Tansania noch deutsche Kolonie war, diesen fast 6.000 Meter hohen Berg ihrem Enkel Kaiser Wilhelm II. geschenkt hat. Welch bescheidenes Geschenk…


Wunderschöne Land(wirt)schaft

Um Erosion vorzubeugen hat Jaap vor 40 Jahren die Felder terrassenförmig angelegt. “Als 1978 die Pachtverhandlungen mit der Regierung begannen war hier alles wildes Buschland. Zunächst haben wir ein paar provisorische Farmgebäude errichtet, alles vermessen und dann Feld für Feld entlang der Keylines freigelegt.” Zwischen den Feldern lenken mit Gras, Gestrüpp und Bäumen bewachsene Erdwälle das kostbare Regenwasser in Richtung der Wasserauffangbecken, die über die gesamte Farm verteilt sind. Wenn alles gut geht, reicht das Wasser knapp bis zum nächsten Jahr.

Selten habe ich gesehen, dass Ackerbau eine Landschaft noch schöner macht, als sie es auch ohne menschliches Zutun bereits ist. In geschwungenen Streifen wechseln sich die bereits intensiv grünen Hirsefelder mit den noch spärlich bewachsenen Bohnenfeldern ab, unterbrochen von den Wällen, den brachliegenden Feldern, den wogenden Wiesen und dem unberührten Buschland. Obwohl von Menschenhand geordnet schimmert hier überall das wilde, wunderschöne Tansania durch. Ich kann stundenlang auf den Koppjes sitzen und meinen Blick über diese Landschaft gleiten lassen.

Die Farm als Lebensraum für Wildtiere und Insekten

Bei meinen langen Streifzügen durch Felder, Wiesen und Buschland der Farm wird mir immer wieder aufs Neue bewusst, wieviel Leben auf diesen 1000 Hektar herrscht. Es zwitschert und flattert, surrt, summt und krabbelt überall. Die in allen Farben schillernden Vögel finden in den wilden Buscharealen, aber auch in den Bäumen und Sträuchern auf den Dämmen reichlich Nistplätze. Leider warnen sich stets gegenseitig vor meinem Eindringen in Ihr Revier, sie scheinen nicht an Presse gewöhnt zu sein. Raupenfressende Perlhühner rennen hektisch und aufgeregt kreischend querfeldein wenn sie mich erblicken. Die vielen bunten Schmetterlinge hingegen schweben verheißungsvoll vor mir her und locken mich in ihre blumigen Wiesen. Das ist nicht ganz ungefährlich, denn auch wenn ich in den 2 Wochen auf Jaaps Farm noch nie eines gesehen habe hinterlassen die Erdferkel hier überall ihre Spuren. Einmal stolpere ich – ganz zur Freude zweier Massaijungen, die mich schon seit einer Weile neugierig beobachtet haben – in ein gut verstecktes, tiefes Erdferkelloch und fluche laut, was die Jungen sichtlich erheitert.

Mit etwas Glück begegne ich stolz umherschreitenden Strauße, Zebras, die sich genüsslich in der frisch gepflügten Erde wälzen und Gazellen, die sich die jungen, zarten Pflanzen schmecken lassen. Sie sind unerwünschte, zerstörerische Gäste, deren Anblick mein Afrikaherz jedoch jedes Mal heimlich höher schlagen lässt.

Ein Blick in die Nachbarschaft

 

“Nicht nur mit den Wildtieren, auch mit den Massai haben wir so unsere Probleme”, erzählt Jaap. “Oft brechen sie mit ihren Herden durch unsere Zäune, lassen die Tiere auf unserem Land grasen und aus den Wasserauffangbecken trinken. Sie können dabei großen Schaden verursachen. Wir haben versucht, uns mit ihnen darauf zu verständigen, dass sie das Wasser aus den Auffangbecken als Trinkwasser für Menschen nutzen können, aber Vereinbarungen sind für sie sehr… dehnbar. Inzwischen planen wir einige Teile unseres Landes fest als “Bufferzonen” für die Massai ein, in denen sie ihr Vieh weiden lassen können, wenn sie im Gegenzug dafür sorgen, dass sich dort sonst niemand rumtreibt.” Wie Jaap schon sagte, es ist alles eine Frage der Balance.


Harte Arbeit und kreative Ideen

Wenn Ende März die ersten Regenschauer kommen wird das Saatgut auf die Felder ausgebracht. Danach heißt es auf mehr Regen hoffen, denn künstliche Bewässerung kann sich hier niemand leisten. Das Unkrautjäten erfolgt teils maschinell, teils händisch, bis die Pflanzen groß und stark genug sind, um ihre Konkurrenz selbst in den Griff zu bekommen. Nachdem im Juli die Ernte erfolgt ist, ist die kurze Saison bereits vorüber, während der neben den 30 festangestellten Mitarbeitern zusätzlich etwa 30 Aushilfskräfte Arbeit finden. “Da inzwischen viele der ursprünglich als Nomaden lebenden Massai selbst Ackerbau betreiben, ist es für uns oft schwer, für die arbeitsintensiven Tätigkeiten wie Unkrautjäten genug Personal zu finden. Manchmal fallen dann ganze Felder dem Unkraut zum Opfer. Die Hirse braucht weniger Pflege, weil sie schnell wächst und das Unkraut rasch übertrumpft. Die bodennah wachsenden Bohnen und Erbsen sind da problematischer. Gerade versuchen wir erstmals, Hirse und Erbsen zusammen zu pflanzen. Der Plan ist, dass die Erbsen an der Hirse hochklettern und so dem Unkraut entkommen.” Er lacht. “Aber wenn der Regen ausbleibt oder zum falschen Zeitpunkt fällt, nützen uns all unsere schönen Pläne herzlich wenig.”

Viehwirtschaft als zusätzliche Einkommensquelle

“Hätten mein Sohn Bram und ich nicht vor 6 Jahren neben dem Landbau auch auf Viehwirtschaft gesetzt, hätte die Farm nicht überlebt. Extreme Wetterbedingungen und sich ständig ändernde Regulierungen für Vertrieb und Export unserer Produkte machen das Überleben für uns Bauern nicht gerade leichter.” Mittlerweile zählt die Farm stolze 100 Rinder, 300 Schweine und 1200 Schafe. Mit dem Verkauf von hochqualitativem Fleisch und exklusiven Wurstprodukten kann der Betrieb nun das ganze Jahr über Einkommen erzielen. Neben einigen privaten Kunden sind vor allem Safarifirmen aus der Region zuverlässige Abnehmer. Die Nachfrage ist höher als das, was die Farm bereitstellen kann. Warum also nicht weiterwachsen? Achja, das Wasserproblem…

 

Bis auf Saatgut finden nur wenige externe Ressourcen ihren Weg in den Farmkreislauf. Die Schafe und Rinder fressen ausschließlich eigenes Gras und Heu und düngen im Gegenzug die Wiesen mit ihrem Mist. Die Schweine werden mit einem Brei auf Basis der eigenen Hirse gefüttert. Auch ein wenig von der roten Erde, die hier überall zu finden ist, wird ihrem Futter beigemischt: sie enthält viele wichtige Mineralstoffe.

 

“Schweine und Schafe ziehen wir selbst groß, denn die wachsen schnell. Die Rinder kaufen wir, sobald sie erwachsen sind, den Massai ab, meist im Tausch gegen Lebensmittel. Ihre Tiere sind zwar nicht die fettesten, denn für die Massai zählt Quantität vor Qualität, aber sie sind resistent gegen Krankheiten.”

Nachhaltigkeit aus Überzeugung

Auf meine Frage, ob die Farm biozertifiziert sei, lacht Jaap sarkastisch. “Wir haben uns vor einigen Jahren einmal damit beschäftigt und Kontakt zu einer Zertifizierungsstelle aufgenommen. Sie erklärten uns, dass sie uns regelmäßig auf unserer Farm besuchen müssten – soweit so gut. Im Kleingedruckten fanden wir dann allerdings lächerliche Forderungen nach Sterne Restaurants und Spitzenhotels. Wir führen hier ein einfaches Leben. Wir haben Strom von 7 bis 10 Uhr morgens und 6 bis 9 Uhr Abends, wir duschen mit durch Solarenergie erwärmtem Regenwasser und essen was die Farm abwirft. Ist nicht genau dieser Lebensstil das, was sich Europäer unter “Nachhaltigkeit” vorstellen?  

 

Schnell war mir klar, dass der Aufwand und die Kosten für eine Zertifizierung in keinem Verhältnis standen zu den paar Cent, die ich je Kilo zusätzlich verdienen könnte. Also haben wir es bleibenlassen.” Gerne möchte ich ihm ein persönliches Zertifikat ausstellen. Nicht nur für seinen gesunden Boden, seine ungespritzten Pflanzen und seine glücklichen Tiere, sondern dafür, dass er Bio aus Überzeugung macht, ohne es sich bezahlen zu lassen.

Balance zwischen Mensch, Tier und Natur

 

Warum er sich damals für genau dieses Stück Land entschieden habe, möchte ich von Jaap wissen. “Es war das größte zusammenhängende Stück Land, das hier zu bekommen war”, antwortet er, und in seinen Augen kann ich entschlossenen Unternehmergeist und Mut aufblitzen sehen. Einfach war es nie und wird es auch nie sein. “Die meisten Großbauern sind inzwischen verstorben oder haben aufgegeben. Wir sind die letzte große Farm hier in der Massaisteppe, die sich wirtschaftlich trägt. Die Auseinandersetzungen mit den Massai, die Arbeitsmoral der Angestellten und die verrückten Einfälle der korrupten Behörden sind hier ebenso unberechenbar wie das Wetter. Wer es einfach haben will, der darf kein Bauer werden – vor allem nicht in Afrika.” Ich frage ihn, was passieren müsse, um mehr Menschen dazu zu animieren, seinem Beispiel zu folgen. Nach einem langen Schweigen antwortet er: “Show it to the people.” Das werde ich tun.

 

Jaaps Erfolgsrezept ist weder ein großer Pott Spendengelder noch die zwanghafte Durchsetzung europäischer Ideale. Es ist vielmehr eine Kombination aus zäher Ausdauer und stetiger Anpassungsfähigkeit mit dem Ziel, Gewinne zu erwirtschaften, ohne die Balance auf seinen 1000 Hektar zu gefährden. Die Balance zwischen den Menschen. Die Balance zwischen Mensch und Tier. Die Balance zwischen Mensch und Natur. Egal ob mit oder ohne Zertifikat.